| EINSPRUCH |
| DIE TAZ SCHREIBT DIE MUSIKMAGAZINE INS GRAB |
| nico, März 4, 2006 - Abgelegt unter: Musik, Pop |
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In der taz von gestern (3.3.) schreibt Tobias Rapp über die Publikationsmodelle Musikmagazin und Musikblog mit aktuellem Zustandsbericht und Ausblick in die Zukunft, die, so ist es ihr eigen, immer schneller Gegenwart wird, als wir alle bemerken würden. Im Artikel heißt es am Beispiel von Clap Your Hands Say Yeah, sie wären nur durch Onlinepromotion, -berichterstattung und -communities zu dem Hype geworden, als den wir sie zurzeit kennen. Das stimmt nur teilweise. Fakt ist, dass Clap Your Hands Say Yeah in den USA bis heute ohne Plattenfirma arbeiten und tatsächlich alle Promoarbeit, selbst das Verschicken der CDs, persönlich übernehmen. In Europa sieht die Sache dagegen anders aus. Seit spätestens November letzten Jahres ist die Band bei Wichita unter Vertrag. Drei Monate vor Albumveröffentlichung. Da mögen vielleicht die ersten Onlineberichte über die Gruppe geschrieben gewesen sein, ich bezweifele, dass sie irgendeine Entscheidung bei Wichita beeinflusst haben. Und warum nun also eine Plattenfirma für Europa, wo es doch in den USA so hervorragend ohne lief? Weil das Internet im Atlantik aufhört? Die Post die Pakete nach Übersee hinter Cornwall ins Meer kippt? Oder vielleicht eher weil es doch noch nicht so weit ist, mit der Welt der kompletten digitalen Vermarktung? Rapp widerspricht sich sogar, während er sein Beispiel Clap Your Hands Say Yeah erst als überbewerteten Onlinehype abkanzelt und der Band jegliche Perspektive abspricht, folgt später im Text der Satz: „Online-Hypes lassen sich mit den Mitteln des klassischen Musikmagazins nicht mehr abbilden.“ Wie jetzt? Onlinehypes sind schnell und unbedeutender, auf tausendfach persönliche Kontakte gegründet, aber letztendlich musikalisch unbedeutend? Und da soll es ein Manko der Printmagazine sein, nicht mehr hinterher zu kommen? Oder ist es nicht vielmehr so, dass sie gerade durch das monatliche Erscheinen die Ruhe und Sorgfalt haben zu entscheiden, was relevant ist und was nicht? Ein Blogger hat diese vier Wochen Redaktionsarbeit nicht. Ein Dutzend Clicks, eine Verlinkung, selten dazu ein Einzeiler wie: „Ganz großes Kino.“, der nur selten auf die Musik, meist eher auf den eigenen Geschmack abzielt, und schon läuft sie die anarchische Meinungs- und PR-Maschine. Das mag einem taz-Redakteur gefallen, wird aber so gut wie nie der Musik und Musikkritik gerecht. Musikblogs sind, und das hält Rapp zu Recht für ihren größten Vorteil, schneller. Er spricht von der „Aufregung der Erste zu sein“. Und sieht die Blogs auf Längen vor den etablierten Magazinen, die den Trends nur noch hinterher rennen würden. Dem kann man erstmal nichts entgegenstellen, denn faktisch ist es richtig. Unterschlägt aber immer wieder das Schnelligkeit eben nicht alles ist. Dass eine Platte auch erst nach dem 20. Mal hören sich offenbaren kann. Dass man sie enttäuscht weglegt und erst nach einem Artikel der geschassten Musikredakteure plötzlich ganz neu hören kann. Diese Redakteure werden dafür bezahlt. Sie sind die Experten. Nicht ohne Grund. Über deren Qualität kann man an Einzelbeispielen streiten. In der Masse sitzen solche Redakteure ein paar Tage an einer Rezension. Ich sprech hier aus eigener (Blogger-) Erfahrung: Mir bleiben dazu die zwei Stunden nach der Arbeit kurz vor dem Schlafen gehen. Und ich bezweifele dass es anderen Bloggern anders geht. Die deutschen Vollzeitblogger kann man mit einer Hand abzählen und unter ihnen befindet sich niemand, der sich ausschließlich der Musik widmet. Das von Rapp im Artikel genannte Beispiel „Tape“ ist wohl die lange gesuchte Ausnahme. Wieso schreibt er an dieser Stelle nicht ein deutschsprachiges Beispiel? – Weil es keines gibt. Die wenigen internationalen guten Musikblogs sind noch weit davon entfernt Meinung zu machen und Bands groß zu schreiben. Das wird weiterhin den Experten vorbehalten bleiben. Auch wenn die sich ganz klar der Technik anpassen müssen. Die Onlineportale der etablierten Magazine werden sich ändern, sie reagieren heute schon schneller als die Printausgabe auf aktuelle Trends. Vielleicht ist das Konzept Musikmagazin aus Papier nicht mehr so schick. Das Modell Redaktion ist nicht am Ende. Das ahnt jeder, der ein zwei Freunde hat, mit denen er sich länger über Musik persönlich unterhalten kann, der Erkenntnisgewinn und Austausch ist unglaublich groß. Und ob die gedruckten Exemplare wirklich dem Untergang gewidmet sind wage ich hier auch laut zu bezweifeln, auch wenn die Spex im letzten Jahr mehr als 11 Prozent Leser verloren hat. Nichts geht über eine Zeitung, deren Bereitschaft nicht durch ein Akku begrenzt wird, deren Lesbarkeit nicht nur in schattigen Räumen möglich ist und die man ohne Sorgen über eine Haftpflichtversicherung und deren Deckung mit an den Strand nehmen kann. Es gibt in der Mediengeschichte einfach kein Medium, das wirklich gestorben ist. Und in der Bloggerwelt klatschen sie alle in die Hände. Seht her, der hat recht, wir sind besser. Wir haben’s immer gewusst. Und statt den Artikel in irgendeiner Weise zu kommentieren wird er gedankenlos gepostet. Und an anderer Stelle von Leidenschaft geschwafelt, die genau so weit geht, wie die eigenen Interessen reichen. Interessen wie Clicks und Credibility. Die Diskussion über iPod, übergroße Musikdatenbanken, schnelleren Zugang und größere Verbreitung ist eine technische und daher komplett losgelöst von der journalistischen zu betrachten. Rapp macht den Fehler und nimmt die portable und vernetzte Revolution als Ursache für das Ende der Musikmagazine und meint eigentlich die Redaktionen. Da hat das eine nichts mit dem anderen zu tun. Es gibt schließlich niemanden, der behauptet Ärzte wären überflüssig, nur weil es Medizindatenbanken und Laserskalpelle gibt. Und dann noch kurz etwas zu Rapps Musikgeschmack: Clap Your Hands Say Yeah sind für ihn nur eine Eintagsfliege. Vergeblich sucht man im Artikel den in der Indieszene gerne benutzten Spruch „Don’t believe the hype!“, die avantgardistische Angst vor dem Ausverkauf. Sein Urteil begründet er an keiner Stelle musikalisch und ist also ebenfalls geschmacklich. Er macht damit denselben Fehler, den er bei den Blogs übersieht. Ich möchte der Band eine wesentlich rosigere Zukunft bescheinigen, sie sind mehr, als die Gruppe, bei der David Byrne zugekuckt hat. |









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Pingback von blogozin ‹ blogozin Archiv ‹ Clap your Hands say yeah, März 7, 2006
Lieber Nico,
vielen Dank für den ausführlichen Einspruch. Ein paar unsystematische Erwiderungen:
Zunächst mal zum Begriff des Hype. Wenn ich in dem Text vom neuen Goldenen Zeitalter des Musikjournalismus spreche, ist natürlich übertrieben. Was ich meine hat aber damit zu tun, dass ich glaube, dass das Hochschreiben von mittelmäßigen Bands, das Streiten um Nichtigkeiten, all diese Dinge, die einen Hype ausmachen (ganz abgesehen davon, was ich jetzt von CYHSY halte), großen Musikjournalismus ausmachen. Das Unvernünftige, Überschwängliche. Ich habe da einen ganz positiven Hypebegriff. Und diese Art der Freude am neuen, das ist den Musikmagazinen abhanden gekommen. Das meine ich, wenn ich sage, das ließe sich nicht mehr in Printmagazinen abbilden. Ließe sich vielleicht sogar, passiert aber nicht, wenigstens nicht da, wo ich schaue.
Natürlich gibt es Ausnahmen. Insbesondere hier in Deutschland. Das ist auch einer der Gründe (glaube ich), dass es hier nicht so viele gute Musikblogs gibt wie im angloamerikanischen Raum. Dort sind die Magazine so auf den Hund gekommen, dass vielen Leuten gar nichts anderes übrig bleibt, als die wirklich interessaten Gedanken, die an denen ihnen etwas liegt, in ihr Blog zu schreiben (und dann mal auf die Homepage der De-bug oder der Groove zu schauen und sich zu ärgern, dass man kein deutsch kann). So ist das zumindest im Techno/House/Electronic-Bereich, wo ich mich auskenne.
Natürlich habe ich ein übertrieben. Aber Tape ist kein lange gesuchtes Beispiel, wirklich nicht. Geh mal zu http://www.theoriginalsoundtrack.com/blog/ oder http://www.philipsherburne.com, beides so Musikjournalistenblogs, und check die Links durch, die die da haben. Das ist wirklich viel.
Ich glaube auch nicht, dass Musikmagazine verschwinden werden. Die bleiben uns bestimmt noch eine Weile erhalten. Sie haben nur (für mich auf jeden Fall) ihre Funktion als Leitmedium verloren. Ich fühle mich bei Blogs und in Onlineforen besser und vor allem mit mehr Liebe und Leidenschaft informiert.
Das Geld: ja, das ist tatsächlich ein Problem. Wo soll es herkommen, wie kann man sich den Vollzeitmusikblogger vorstellen. Weiß ich auch nicht. Ist mir im Augenblick aber auch ziemlich gleich. Denn die, die das machen, machen das eben gerade. Keine Bewegung schaut nach Geschäftsmodellen, so lange es gut läuft. Und am Ende des Tages sind es bisher ja immer Jungs zwischen 16 und 26 gewesen, die solche Bewegungen losgetreten haben, gerade weil irgendwie Geld da ist und sie sich um solche Dinge noch nicht kümmern müssen. Das dürfte bei den Bloggern auch nicht anders sein – wobei es im angloamerikanischen Raum mittlerweile ja schon so ist, dass du als freier Autor besser ein Blog betreibst, um für den Printmarkt Sichtbarkeit zu haben, ganz neue Form von Selbstausbeutunng, wenn man so will. Was als Liebesding beginnt, wird auf einmal Teil der Selbstverwertung.
Zum Schluss nur kurz was zur Musik: ja, da kann man unterschiedlicher Meinung sein, klar. Und was den Zusammenhang von Neuen Goldenem Zeitalter im Journalismus ohne entsprechende Praxis in der Musik angeht: das wäre noch ein anderer Text. Da öffnen sich ja noch ganz andere Felder.
Eins noch: auch wenn ich CYHSY nicht mag: ich glaube ja, dass der Hype um die Band das beste war. Ich glaube immer an den Hype. Weil Popmusik vom Augenblick handeln sollte.
Gruß,
Tobias Rapp
Kommentar von Tobias Rapp, März 7, 2006
Ach, eines noch: wo Du sagst, die Blogger seien weit davon entfernt, Meinung zu machen. Im Großen und Ganzen dürftest Du da wohl recht haben: aber es gibt neben CYHSY noch einige Beispiel, die das Gegenteil nicht beweisen aber doch zeigen, dass dies für manche eben doch gilt. M.I.A. zum Beispiel, vor einem Jahr: wäre nie ein so großes Thema geworden, wenn sich nicht wochenlang die verschiedensten Blogger in die Haare bekommen hätten. Von dort ist es dann in die Prinmedien geschwappt. Wäre ohne die Blogs in der Massivität so nicht passiert. Die ganze Grime/Baile Funk-Begeisterung: davon hätte man außerhalb Londons bzw Rio/Sao Paolo wahrscheinlich nur sehr wenig mitbekommen, wenn nicht Blogger drüber geschrieben hätten.
Kommentar von Tobias Rapp, März 7, 2006
ein großes kompliment für die differenzierte auseinandersetzung mit dem thema – sowohl oben stehender artikel als auch die replik von tobias rapp waren überaus interessant.
persönlich freut es mich, dass endlich mal jemand FÜR den hype eintritt. das spielerische darin erkennt und wertschätzt anstatt sich in humorlosen distinktionsgrabenkämpfen aufzureiben. passiert mir selten, dass ich eine zu mir ähnliche meinung hinsichtlich dieser thematik wiederfinde.
Kommentar von Christian, März 9, 2006
hallo tobias, das mit dem hype ist ja noch eine ganz andere sache. ich hab das gefühl, das ist eher eine englische technik um über musik zu berichten. und jetzt wo wir alle vernetzen mag der eindruck auch bei uns entstehen, weil man sich häufiger auf englischen seiten herum treibt, als dass man früher ein englisches heft am bahnhof bekommen hätte. hatte noch nie das gefühl dass ein deutsches magazin das ich in den letzten 10 jahren gelesen habe, gehypet hat. früher hieß das dann auch eher redaktionslieblinge und war eine schlacht, die mit allen pros und cons auf den leserbriefseite geschlagen wurde.
zur blog vs. magazin kontroverse: ich hoffe die zukunft gehört einer redaktion, die eine technologie mit inhalt füllt, ob es dann noch blog heißt oder nicht ist erstmal egal, und dabei genügend sorgfalt walten läßt und trotzdem dabei unheimlich schnell ist. und wenn noch werbeeinnahmen übrig sind, bringt diese redaktion einmal im monat, das ‘best of’ sozusagen oder besser: tiefergehende reportagen, ein druckprodukt heraus. damit wir nicht alle diese microsoft origami-scheiße kaufen müssen. und ich mir wie gestern weiterhin meine spex mit auslaufender buttermilch verkleben kann.
dass um diese redaktionellen-themen-blogs herum dann ganz viele un- oder semiprofessionelle blogs wusseln und sich das ganze dann gegenseitig beeinflusst, würde die sache schließlich abrunden. und in real sind diese blogs ja schon da. fehlen noch die professionellen. so lange werden die altmodisch gedruckten magazine auch noch “leitmedien” bleiben. drei schwalben (cyhsy, m.i.a. und arctic monkeys) machen noch keinen sommer. aber er kommt, der sommer, das ist mal sicher, da stimm ich dir zu.
Kommentar von nico, März 9, 2006
Ja, der Hype ist tendenziell englisch. Aber das ist bitte nur eine Herkunftskennzeichnung. Denn dass die deutschen Magazine nie vor dem vierten Album eine Bands aufs Cover heben, das ist oft schwach (bzw. falsch, wie bei vielen Bands, deren Debüt bahnbrechend ist, da sind dann aber noch alle zu feige und beim, oft schwächeren Nachfolger kommt dann das Titelbild). Die professionellen Internetberichterstatter sehe ich übrigens, wenn auch nur in Teilen schon: intro.de und teilweise jetzt.de machen da mit, ohne alles Ansprüche über Bord zu werfen. Aber damit müsste man sich noch detailierter auseinandersetzen,
Kommentar von Daniel, März 12, 2006
Clap your Hands say yeah…
Endlich kann ich wieder mal auf einen interessanten Artikel in der taz verweisen:
Der Artikel Klatsch in die Hände und sag Ja! befasst sich mit dem Phänomen, wie Bands neuerdings unter Umgehung der traditionellen Medien von Musikblogs hochgehypet wer…
Trackback von blogozin, August 12, 2006