| BERND BEGEMANN INTERVIEW TEIL2 |
| DU SIEHST KEINE MENSCHEN VOR DIR WENN DU DIR DIESE LIEDER ANHöRST |
| nico, April 18, 2008 - Abgelegt unter: Musik, Pop |
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Bernd Begemann muss ich hier glaube niemandem mehr vorstellen. Heute und hier der zweite Teil eines Interviews, das ich vor geraumer Zeit (2005) mit Bernd im Potsdamer Lindenpark geführt habe. Das Interview ist eine Weile auf meiner Platte verstaubt, weil ich damit eigentlich eine größere Recherche zum Fast Weltweit Label starten wollte. Das hat sich dann irgendwie alles verlaufen. Inzwischen hat Bernadette La Hengst der Spex ein Interview gegeben, dass ich irgendwie nicht bekommen habe und wenn ihr noch mehr zu Fast Weltweit wissen wollt, dann klickt doch rüber zur Popgun! auf Spreeblick, da findet sich der erste Teil. Heute und hier also der Abschnitt des Interviews, der sich nicht mit Fast Weltweit beschäftigt, aber trotzdem eine solche Relevanz betreffs deutschsprachige Musik besitzt, dass ich es auch mit Staub veröffentlichen möchte. Nico: Wie sah das bei dir aus damals, als du in Bad Salzuflen gelebt hast. Ich hab gelesen, dass du Punk gewesen bist. Stimmt das? Bernd: Ja, das stimmt. Punkrock war damals allerdings komplett anders. Irgendwann 78, 79, 80 kamen diese ganzen Assipunkbands raus, wie Exploited oder so. Und von da ab ging’s den Bach runter mit der Sache, dann musste man eine verschmierte schwarze Lederjacke tragen und Aldi-Bier trinken. Man musste praktisch ein Asozialer sein, das war vorher überhaupt nicht so. Vorher war Punk im Grunde diese alte Dada-Formel: Zerstört, damit ihr bauen könnt. Also alle möglichen Forderungen, die Leute an sich selbst stellten. Die wichtigste, die ich behalten hab, ist vielleicht diese und zwar: niemand kann für dich sprechen, du musst für dich selbst sprechen. Das kann niemand anderes für dich übernehmen. Nico: Do it yourself. Bernd: Irgendwas selbst machen ist ja was anderes. Das kann ja auch heißen, dass du vielleicht dein eigenes Auto repariert hast oder so. Aber dass du für dich selbst sprechen musst, das ist eine viel schwierigere Sache. Das ist ein viel kompletterer Anspruch. Viel schwieriger zu erfüllen. Glaub nicht, dass, wenn du dir irgendwas anhörst, dich das selbst ausdrückt. Wenn du jemand anderes sprechen hörst, spricht der nicht für dich. Schade, aber nein, das tut er nicht. Das ist, was ich draus behalten hab, aber andere haben was anderes daraus gezogen. Das ist so meine Punksozialisation. Du sahst damals sehr viele konstruktive Sachen. Leute versuchten viele Sachen zum ersten mal, schrieben, malten, machten Bands auf, drehten Filme auf den ersten billigen Videoausrüstungen die es gab und so weiter. Hatten sich hell angezogen. Du hattest sehr viele hell angezogene Leute. Danach war Punk halt dunkle verschmierte Lederjacke. Muss sein. Aus irgendeinem Grund. Irgendjemand hat das festgelegt. Ich weiß nicht wer. Völlige Scheiße. Nico: Du bist ja da dann auch ziemlich früh raus, oder? Und dann nach Hamburg gegangen. Mit zwanzig. Oder wie kam das? Bernd: So früh es ging. Mit 18 schon. Da bin ich zuerst nach Aachen gezogen, weil da meine Freundin studierte. Das ging aber nicht richtig und wir haben nur ein knappes Jahr zusammen gelebt. Unsere Wohnung war zu klein und auch überhaupt nichts los. Das einzige was da los war, war die Ina Deter Band. Nico: Damit bist du dann also aus diesem Fast Weltweit Ding raus gewesen? Bernd: Ja. Und ich muss auch sagen, dass diese ganze Indie-Ethik natürlich totaler Schwachsinn ist. Das hab ich von Anfang an durchschaut und das ist es auch jetzt noch. Es ist einfach so lächerlich. Diese ganzen Indie-Firmen sind einfach auch Plattenfirmen. Sind halt kleinere Plattenfirmen, die nicht so ein großes Budget für bestimmte Sachen haben. Es kommt immer auf Leute an. Nico: Klar. Indie-Charts. Sind ja auch Charts. Die zählen ja auch. Bernd: Es ist absolut kein Unterschied. Meine Idee von Pop ist: Entweder man singt für jeden oder man singt für niemanden und gerade die Indie-Leute sind so stolz drauf, ein spezielles Nischenprodukt her zu stellen. Kapitalistischer kann man nicht sein. Ein spezielles Produkt für ein spezielles Publikum. Es ist viel kapitalistischer, als allen etwas geben zu wollen. Das ist doch die Art Sozialismus wie ihn Fidel Castro beschreibt, wenn er sagt: “Qualität ist Respekt vor dem Volk.” Also ich will jetzt nicht sagen, dass ich ein Sozialist bin, aber ich werde auch oft immer gefragt: Was ist deine Zielgruppe und so. Und ich sage dann: “Ich sing für alle.” Da sind Teenager und die verstehen das, ich hab manchmal über 50jährige und die verstehen das. Weil ich nicht so viel anders bin als andere Menschen. Jeder Mensch macht dieselben Erfahrungen. Wenn man natürlich was ganz schrilles Spezielles machen will – von mir aus. Das nenne ich Obskurantentum. Das nenne ich sich selbst Stigmatisieren, um eine spezielle Nische besser ausfüllen zu können. Nico: Jetzt hast du aber ein eigenes Label. Ist das dann eher aus der Not heraus passiert? Bernd: Nein, wenn ich mich ein Jahr lang mit einer Platte beschäftige, dann soll die mir gehören. Das ist meine Platte. Und letzten Endes können die meisten Labels Platten nicht besser vermarkten als ich. Sie schicken ein paar Rezensionsexemplare raus und das war’s. Also das kann jeder Idiot. Es gibt so einen jungen Typen Click Click Decker, den fand ich ganz interessant, dessen CD wird wahrscheinlich auch bald bei dir eintrudeln. Den hab ich spielen gesehen und fand den sehr überzeugend. Ich hab ihm gesagt, wenn du kein Label findest, dann bring es bei mir raus. Er hat kein Label gefunden und wollte es bei mir raus bringen und dann wollte er es aber sofort und ich hatte grad keine Zeit und dann hab ich ihm seinen Vertrieb besorgt und ihm gesagt, dass das kein großes Geheimnis ist, er soll sein scheiß eigenes Label gründen und das selbst machen. Nico: Die Frage ist natürlich, ob Du Musik machen willst oder sie vertreiben willst. Manche Leute nervt das ja auch, wenn sie sich damit beschäftigen müssen das Zeug los zu werden. Bernd: Ja. Du musst dich auf jeden Fall damit beschäftigen. Aber wenn du bei einer Plattenfirma bist, musst du dich auch mit den Leuten die für dich arbeiten und promoten auseinander setzen. Da kann man auch gleich selbst promoten. Anstatt dass man irgendwelchen Deppen irgendwas erklärt, was sie dann aber anders oder falsch machen. Man muss sagen, dass die deutschen Plattenfirmen ihre Misere ein bisschen verdient haben, weil sie ihre eigentliche Arbeit so sehr vernachlässigen, nämlich neue Acts breaken und Promotion. Das können sie einfach nicht. Sie können eine Menge Geld für Scheiße ausgeben, aber sie können nicht mit wenig Aufwand clever promoten. Sie haben keine Ideen. Deshalb gibt es so wenige Acts die neu heraus gebracht werden, das ist dieses Jahr [2005] anders. Alle sagen, das ist jetzt der Boom. Aber das liegt nicht unbedingt an der Plattenindustrie. Das liegt daran dass es jetzt wirklich dieses Publikum gibt, was wirklich Lust hat, von ihren Nachbarn was zu hören. Im Grunde das was ich vor … – Scheiße – 20 Jahren fast schon gesehen hab oder ich mir gewünscht hab. Du sprichst zu deinen Nachbarn über Sachen, die euch beide interessieren. Das ist das einfachste von der Welt. Das war damals das Unmöglichste und das scheint jetzt Normalität zu sein. Gut. Von mir aus. Jetzt brauchen wir nur noch Leute, die sprechen können. Nico: Was denkst du, wo das herkommt? Da sind ja jetzt auch eine paar Schülerbands dabei. Bernd: Wie? Wo? Ich hab eine Menge Schülerbands gehört, aber nein, ich hab das nie erlebt, das die zu ihren Nachbarn sprechen würden. Schülerbands wollen meistens immer was darstellen, was sie großartig und glamourös finden. Die wollen immer mehr Schein als sie sind, die wollen eine dicke Hose haben, aber die wollen nie wirklich zu ihren Mitschülern sprechen. Singen meistens auf Englisch – was ihr gutes Recht ist. Nico: Und was hat sich da jetzt geändert, dass die Leute das akzeptieren? Bernd: Ich glaube es gab einen sehr großen Umweg. Du kannst dich vielleicht noch erinnern an den Schlagerboom, zu dem man ein zwiespältiges Gefühl zu haben konnte. Und dann hättest du auf folgenden Gedanken kommen können: Wir sind das einzige Volk auf der Welt, das ironisch Liebeslieder hört. Niemand sonst hat das nötig, aber wir sind durch und durch emotional verkrüppelt. Leute gehen zu solchen Konzerten. Leute brauchen diese Lieder. Für ihren emotionalen Haushalt. Aber das können sie sich nicht eingestehen, also haben sie folgende Technik entwickelt: “Oh jetzt feiern wir diese herrlich kitschige Schnulze, aber da stehen wir eigentlich drüber, das ist ja eigentlich totaler Mist. Tränen lügen nicht, Es fährt ein Zug nach nirgendwo – das ist ja totaler Unsinn. Wir wissen ja, dass das Unsinn ist.” Aber sie brauchen es. Können es sich nicht eingestehen. Um sich nicht dafür zu schämen, tun sie so als wären sie ironisch reflektierende was weiß ich. Wir sind das einzige Volk auf der Welt, das so rezipiert. Ich seh’ das so und ich hab mich gefragt, woran das wohl liegt. Wieso können wir nicht Sachen sagen, wie wir sie sehen, wieso können wir unsere Bedürfnisse nicht äußern. Wir werden so nie bekommen, was wir brauchen. Naja und dann – gut, das ist jetzt ein bisschen langweilig, aber – kommt man natürlich auf die Nazis. Offensichtlich. Das hat alles blockiert. Die Nazis haben so viel Scheiße gebaut, dass man da gar nicht dran denkt so. […] Die Nazis haben uns abgeschnitten. Von dem, was alle anderen Kulturen haben, nämlich vom guten Alten. In jeder Kultur gibt es gutes Altes. Also in Deutschland wäre das zum Beispiel die romantische Tradition. Zum Beispiel die Balladen. Schuhmann, Heine – was weiß ich, die Aufklärung und so weiter. Die ganze deutsche Nachkriegskultur hat nicht geglaubt, dass es in der Vergangenheit irgendwas gab. Der Gedanke war doch: Goethe hat direkt in den Weltkrieg geführt, bei Goethe gibt es nichts. Doch da gibt es was. Goethe wollte bestimmt nicht den Ersten Scheiß Weltkrieg. Naja, schwierig. Also ich hab neulich so ein Interview mit einer Theatermacherin gelesen, die – weiß nicht – seit den 20er Jahren Theater macht und es gibt Stücke aus den 50er Jahren und die beschwerte sich bitterlich, dass die neuen Theatermacher gar nichts wissen wollen von ihrer Tradition und was sie damals im Berlin der 20er abgezogen haben. Die wollen das alle gar nicht wissen. Die wollen alle einfach nur irgendwie rumschreien. [lacht]. Das war vielleicht ein Fehler. Also man hätte sich vielleicht von den Nazis den Blick nicht so verbauen lassen dürfen. Ich mein, was macht jemanden wie Bob Dylan denn so stark, hast du mal diesen Bob Dylan Konzertfilm “Don’t look back”, von D.A. Pennebaker, gesehen? Er ist in London, er ist das heiße Zeug. Alle wollen in seine Show, alle halten ihn für die Offenbarung, alle starren ihn fasziniert an und denken: “Was mag sich wohl hinter seinen Worten verbergen?”. Er ist der heißeste und zu recht arroganteste Typ der ganzen Stadt. Warum? Weil er das heiße neue Ding ist, für das ihn alle dort ansehen? Nein. Er ist weit über den Anwesenden, weil er der einzige ist, der das Älteste kennt. Er ist der einzige, der die Tradition deuten kann, er ist der einzige der ein Bewusstsein hat von der amerikanischen Folklore Tradition, er ist der Erbe. Er versteht, was das alles bedeutet, er hat es hinüber gerettet und hat sich damit angefüllt und steht so in der Landschaft wie ein Fels. Er konnte sich selbst in diesem unglaublichen Strom baden, Jodler, böhmische Walzer, Spirituals, Blues Musik und so weiter. Er kannte das alles. Alle anderen um ihn herum kannten das nicht. Die kennen nur das Tagesgeschäft, die kennen nur, was grad in den Charts ist, die kennen die Nachrichten. Er ist der Einzige, der das in sich birgt. Was wäre das denn hier? Was könnte man hier denn mit sich herum tragen, abgesehen davon, dass man da ein bisschen forscht, sieht man zum Beispiel, dass unsere Tradition eben nicht aus den Volksliedern sondern aus den Operetten kommt. Das ist unsere Popmusik. Nico: Und das entwickelt sich gerade neu? Bernd: Ich weiß nicht, ob hier was entwickelt ist. Ich sehe sehr viel Aktivität. Ich höre zum Beispiel wenige Lieder, die ich gut finde. Was ich daran merke, dass ich sie selbst singen will. Wenn ich ein schönes Lied höre, dann will ich das selbst singen. Nico: Was ist das zur Zeit von den neueren Sachen? Bernd: Von meinen deutschsprachigen Zeitgenossen praktisch nichts. Die sind alle extrem obskur. Ich meine ich weiß nicht, wovon Xavier Naidoos Songs handeln und er weiß es auch nicht und seine Fans wissen es auch nicht. Du singst also Deutsch und was machst du, du entwickelst eine neue Geheimsprache, damit wir bloß nicht konfrontiert werden mit … der Wahrheit letzten Endes, oder mit einem Schuss Realismus oder mit – ich saß heute neben dem Tourbusfahrer im Bus und da kam irgend so ein sentimentales Lied von Juni oder Silbermond oder Schieß mich tot, wieder so ein “Oh wieso warst du so gemein zu mir, ich bin irgendwie so traurig, dideldulde”. Oder von Yvonne Catterfeld – keine Scheiß Ahnung. Ist auch egal. Der Busfahrer meinte, es gibt ne Menge von diesen Liedern gerade. Ja das sind alles so sentimentale Lieder, die aber nicht wirklich depressiv sind, die nicht wirklich traurig sind, die nicht wirklich verzweifelt sind. Es ist so ne lauwarme Traurigkeit, die aber auch nicht konkret ist. Nico: Weil sie nichts erzählen, oder … Bernd: Also das können die gar nicht. Selbst wenn ihr Scheiß Leben davon abhängt. Die können nichts erzählen, sie haben keine Ahnung. Man weiß auch nicht genau, worum es geht. “Ich bin ein bisschen traurig…” das ist eine Färbung. Aber es ist nicht mal eine Farbe, es ermöglicht dem Zuschauer, sich in so einer lauwarmen Grundstimmung zu suhlen. Du hast aber nichts vor Augen. Du siehst keine Menschen vor dir wenn du diese Lieder anhörst. Nico: Es ist denn nicht eher ein Authentizitätsproblem, das sie halt nicht wirklich das sind, was sie singen oder dafür einstehen? Bernd: Nein, das ist ein Rezeptionsproblem und zweitens ein ästhetisch-künstlerisches Problem, das die Leute, die das schreiben das entweder nicht können, oder dass sie absichtlich diese Rezeption bedienen wollen, indem sie vage wischiwaschi Sachen schreiben. Die mir nichts bringen. Ich will was sehen, wenn ich ein Lied höre. Ich will was fühlen. Und dieses lauwarme Geseier, da fühl ich überhaupt nichts. |









