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“DU HASST TOMTE UND ICH WEIß ES!”
INTERVIEW MIT THEES UHLMANN
oskar, August 22, 2007 - Abgelegt unter: Musik

Thees Uhlmann, Sänger von Tomte, den Einen die sympathische Hackfresse von umme Ecke, den Anderen der zu schwule Schnösel. Der Mann, der Hunden und Müttern Liebeslieder schreibt, von Hamburg nach Berlin zieht, das Lieblingslabel der Spex-Leser betreibt und sich beim Auftritt der Kollegen von Kettcar ins Koma säuft. Kurz: Der Typ, der wie kein zweiter dazu einlädt, sich eine Meinung von ihm zu bilden. Deine liebste Projektionsfläche. Du hasst ihn? Er weiß es.

Will man mit so einem über Musik reden? Wollen wir uns noch einmal vom Uhlmann die Weakerthans empfehlen lassen? Eher nicht. Gut, denn so redet „uns Thees“ im Gespräch fürs „Jackpot Baby!“ lieber Küblböck-mäßig über positive Energie und Olli Schulzens Drogenhabitus, über Künstlertum und Männlichkeit, über Steuerprobleme und die Möglichkeit radikalen Verhaltens. Unrasiert und leicht verkatert, auf einer wackeligen Bierbank unweit der wohltemperierten Dixieklos eines der größeren deutschen Rock-Festivals. Hat eigentlich irgendwer ‘ne Kippe hier? Scheiß Nichtraucher, Alder!

Thees Uhlmann, duzen wir uns eigentlich? In den Linernotes von „Hinter all diesen Fenstern“ hat Tomte seine Hörer gesiezt, aber kurz nachdem das Album ein Erfolg wurde, redete alle Welt nur von „dem Thees“. Nervt es, so angekumpelt zu werden?

Mach mal ruhig „du“. Das „Sie“ in den Linernotes war gut um ein bisschen Distanz zu schaffen, damit das nicht so „Hier kommt der schlaue Uhl und erklärt euch die Welt“-mäßig ist. Dass jetzt alle meine Kumpels sind ist ok, ich werde gut behandelt. Und ich bin halt gegen dieses Rockstarding, ich finde das ungeil. Er ist nur ein kleiner Zufall der Musikgeschichte, dass ich nicht vor, sondern auf der Bühne stehe. Und ich bin sehr daran interessiert, dass der Beruf des Künstlers und des Musikers ein „normaler“ ist.

Normal zu sein heißt ja wohl auch Steuern zu zahlen. Was hatte es damit auf sich, als du beim Auftritt gestern Abend das Lied „Endlich einmal“ deinem Steuerberater gewidmet hast?

Ich habe früher latente Probleme damit gehabt, mich um so was wie Steuern zu kümmern. Irgendwann habe ich meine ganzen ungeöffneten Briefe vom Finanzamt Hamburg zu Bernd Marx gebracht und der hat das dann alles eingetütet und mir den Rücken frei gehalten. Da draußen haben wahrscheinlich tausend Leute eine Steuerproblematik und es ist mir wichtig, dass die nicht alleine sind. Bei dem einen sind es die Steuern, bei dem anderen ist es eine andere Sorge. Ein Installateur muss die scheiß Kloschüsseln heile machen und meine Aufgabe ist es, das normale Leben abzubilden, so dass jeder das auf sich beziehen kann. Das ist die Aufgabe des Künstlers, denke ich.

Ich hab neulich mit Winson gesprochen und der hat mir erzählt, wie du und Olli Schulz mal bei ihm waren und Demotapes angehört haben. Was bei Olli Schulz dabei raus gekommen ist, kann man ja auf der Single „45mal pro Minute“ nachhören. Du sollst aber nur da gesessen haben und gesagt haben „Kacke! Alles zu strange!“

Naja, das sind beides Kiffer, die verstehen sich halt. Ich bin da auch nicht gut drin zu sagen „Leute, macht das mal so“. Das würde ich als Eingriff empfinden und Winson baut echt an einer ganz anderen Baustelle als ich. Ich würde natürlich grundsätzlich immer sagen: „Hey, mach mal normale Akkorde, eine geile Gesangsmelodie und fertig aus“.

Worauf ich eigentlich hinaus wollte ist: Olli Schulz scheint in Berlin relativ umstriebig zu sein, von dir hört man da nicht so viel. Kommst du gut auf Berlin klar, oder sind die da alle ein bisschen zu strange?

Nee, ich komme sehr gut auf Berlin klar. Mir kommt dass so vor, als seien Kettcar seit sie Erfolg haben in Hamburg fürchterlich uncool. Als wir mit Tomte in die Charts eingestiegen sind, da haben die Beatsteaks mich durchs Brandenburger Tor getragen, sozusagen. In Berlin freuen sich die Leute für einen. In Hamburg kommt mir das nicht so vor.

Mit Kettcar warst du auch schon mal hier auf dem Hurricane…

Beim ersten Kettcar Auftritt habe ich mich hier soo besoffen und habe da nur auf dem Boden gelegen. Das war die peinlichste Sache, die ich jemals in meinem Leben gemacht habe, aber ich war so aufgeregt für Kettcar. Ich hätte mich hier jedenfalls nie wieder herkommen lassen.

Gibt‘s hier nicht immer Randale backstage?

Nö. Also ich bin auch nicht bereit , meine revolutionäre Ader dadurch auszuleben hier fremder Leute Eigentum kaputt zu machen.

Das wäre ja auch sehr rockstarmäßig.

Ich glaube, wenn so was passiert ist das ein Zeichen von Schwäche. Das ist nicht mein Style. Ich quäle die Leute lieber psychisch. Für so ein „Oh, ich hab grade vor 50.000 Menschen gespielt, ich trink jetzt mal Wodka-Redbull und fang an meinen Backstage-Raum zu zerlegen!“, dafür ist für mich ein Festivalauftritt einfach zu sehr ein Privileg und zu viel positive Energie im Spiel. Diese 80er-Jahre Möetly Crue Rock’n’Roll-Mythen interessieren mich auch einfach nicht. Natürlich ist das geil wenn fünf nackte Frauen vor dir liegen und was von dir wollen. Aber andere Sachen finde ich wesentlich radikaler und wesentlich nachhaltiger, es ist halt eine andere Welt geworden.

Wo du grade davon sprichst, wo siehst du heute die Möglichkeit für radikales Verhalten als Künstler?

Also, es kommen offensichtlich alle Männer über 30, die so’n bisschen rock sind, nicht auf die neue Tomte Platte klar. Das ist denen zu emotional, das ist denen zu schwul. Und mich bockt es an zu sagen: „Du hasst Tomte und ich weiß es!“ Das bringt mir Spaß. Vielleicht ist das ja auf eine gewisse Art und Weise radikal. Aber es ist schwierig radikal zu sein. Schorsch Kamerum singt ja auf der neuen „Goldene Zitronen“-Platte: „Die Bullen konnte man früher auch mal besser hassen“. Das bringt es ziemlich gut auf den Punkt.

Ist es denn gut, dass die 90er Jahre vorbei sind?

Oh ja! Und die 80er waren noch beschissener. Damals war ja noch Kalter Krieg, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Früher wusste man ja wenigstens wovor man Angst haben musste. Es war eine einfachere Welt. Aber ich glaube ich find das ganz gut dass es ein bisschen komplizierter geworden ist, weil die Leute gezwungen sind nachzudenken und sich nicht mehr auf ihre dummen Vorurteile berufen können. Das bringt ja auch keinen Spaß.

Foto: Ingo Pertramer

 

14 Kommentare »

  1. lieber thees, lieber ingo,

    zuerst wollte ich nochmal nachfragen: ist grand hotel wirklich “das Lieblingslabel der Spex-Leser”? ich (selbst leser dieses blattes) bezweifle das.
    und außerdem bezweifle ich, dass sich in den post-post-modernen nullern “die leute” nicht mehr auf ihre vorurteile berufen. im gegenteil: es kommt mir so vor, als ob gerade durch den zwang zum nachdenken mehr und mehr zeitgenossen den druck durch all zu grobe kategorisierungen abzubauen und dadurch versuchen der neuen unübersichtlichkeit (auch und gerade in sachen angst) herr zu werden. im übrigen hasse auch ich tomte (sehr sogar). tschüss, micha

    Kommentar von micha, August 23, 2007

  2. micha, gegenfragen:

    1. wer ist ingo? – ach jetzt seh ich’s gerade. der photograph.

    2. seid ihr spex-leser inzwischen so wenige, dass ihr euch alle kennt und die lieblings lieblinge der anderen kennt?

    3. wer zwingt wen zum nachdenken?

    4. ist “post-post-modern” dann eine kategorie-erfindung von dir?

    5. hast du dadurch weniger angst?

    6. wir haben deine nummer getrackt und werden sie der militanten tomte-army zukommen lassen.

    7. http://www.driss.de ist noch frei.

    Kommentar von nico, August 23, 2007

  3. way to go, oskar! wann kommt eigentlich das nächste s.v. otze?

    Kommentar von piwi, August 23, 2007

  4. 1. yep, auch fotographen darf man grüßen.
    2. ja, wir sind wenige. trotzdem kennen wir uns natürlich nicht alle persönlich, ebenso dürfte der interviewer (oskar?) über unsere angeblichen lieblingslabels bescheid wissen
    3. wer wen zwingt ist nicht die frage. thees behauptete, dass “die Leute gezwungen sind nachzudenken und sich nicht mehr auf ihre dummen Vorurteile berufen können”. hierzu habe ich begründeten widerspruch eingelegt. muss ja mal drin sein, oder?
    4. ne, hab ich schon andernorts so gelesen. aber selbst wenn es meine erfindung wäre, glaube ich dass man verstehen kann, was damit gemeint ist.
    5. wodurch? durch die erfindung/benutzung der kategorie “post-post-modern”? ne, dadurch bekomme ich eher mehr angst.
    6. jetzt noch mehr.
    7. du verstehst sicherlich dass man in post-post-modernen zeiten schnell paranoia entwickelt. immerhin schickst du mir militante tomte-soldaten auf den hals. zum glück läuft mein ganzer webtraffic über server in bananenstatten. puh!

    Kommentar von micha, August 23, 2007

  5. nein tut er nicht. und ich hab auch die firma über die du surfst. aber ich sags keinem weiter, ehrenwort.

    Kommentar von nico, August 23, 2007

  6. so. und jetzt gebt ihr euch mal schnell die hand und einigt euch drauf, dass ihr beide nicht die intro lest… oder so ein indie-quatsch.

    Kommentar von piwi, August 23, 2007

  7. gut. danke. die würden mich umbringen wenn sie das erführen. ich verpiss mich jetzt lieber. tschüss, bis bald.

    Kommentar von micha, August 23, 2007

  8. Piwi! S.V…. jau. Wann kommt eigentlich das nächste Jackpot Baby!

    Micha! Das mit dem “Lieblingslabel der Spex-Leser” bezieht sich auf nix als harte Empirie. Denn so stand’s geschrieben, in eben jenen Magazins dem seinen Jahrespoll, Rubrik: Lieblingslabels. Ich habe mein Spex-Archiv leider gerade nicht bei mir (studiere grad anderswo als zuhause), kann also nicht das genaue Wording und die Ausgabennr. zitieren. Aber.

    Und so löst sich alles in Wohlgefallen auf. Grüße in die Runde!

    Oskar

    Kommentar von Oskar, August 23, 2007

  9. Das Interview ist ja nicht schlecht, aber das was der Herr Uhlmann so von sich gibt, ist trotzdem fragwürdig und teilweise einfach Unfug. Trotzdem darf er das sagen. Genauso wie ich es lustig finden darf, dass er sich für radikal emotional hält, die Bullen nicht mehr so gut hassen kann und die heutige Welt für vorurteilsfreier hält.
    Und wenn ich auf Jackpotbaby darüber nicht lachen kann, dann geh ich schnell in den Keller. ;-)

    Kommentar von Marcus, August 23, 2007

  10. wo nico dich sicher auch finden wird… oder gar schon auf dich wartet ;)

    Kommentar von piwi, August 23, 2007

  11. in meinem keller wird nur die seltsame mischung aus pedanterie und stümperhaftigkeit (jedes für sich schon ärgerlich genug) nicht geduldet. das meiste andere ist erlaubt. lachen nicht. und popdiskurs auch nicht. da scheint die sonne in meinem keller.

    Kommentar von nico, August 23, 2007

  12. Ich hasse Tomte nicht, aber sie sind mir inzwischen so unglaublich egal. Und das obwohl ich die Band mal geliebt habe. Egalsein ist viel schlimmer als gehasst zu werden.

    Kommentar von Philipp, August 24, 2007

  13. Ich kann ebenfalls, da schliesse ich mich Phillipp einfach mal an, weder Hernn Uhlmann noch Tomte so richtig hassen aber egal geworden sind mir leider auch beide, dass wiederum ist sehr schade. Aber irgendwann nach dem 3. oder 4. Vollrausch Konzert von Hernn Uhlmann und seinen Beiträgen zum Thema Spongebob und wie total egal ihm die Zuhörermenge ist … ist er eben auch nur noch Pop geworden. Beziehungstechnisch “Solo” und mit weniger “Korn und Sprite” war er einfach mehr Rock’n Roll und weniger Klischee schade, echt

    Kommentar von subcurse, September 6, 2007

  14. das ist dann wohl eher eine situative angelegenheit. ich mag tomte immer mehr und hab weder was gegen bob le ponge noch gegen beziehung(stexte).

    Kommentar von nico, September 6, 2007

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