line_top
Logo JackpotBaby

WWW.JACKPOTBABY.DE

NEUE DIGITALE POPKULTUR
banner oben
line_top

RE:PUBLICA RüCKBLICK (NOBODY’S DIARY)
DAS MUSS DAS BLOG ABKöNNEN
nico und guido, April 14, 2007 - Abgelegt unter: Der ganze Rest, Pop

blogshirt.jpg

Die Re:publica ist vorbei. Aus einer Konferenz über das Leben im Netz wurde das wohl bisher grösste Kuschelbloggertreffen im deutschsprachigen Raum. Die Kalkscheune war für drei Tage ein Ort, an dem “Saft” wichtiger als auf einem Videorama-Dreh wurde. Strom war nach dem wunderbar funktionierenden W-LAN-Netz das zweitbegehrteste Gut auf dem Gelände.
Langsam verglühende Laptop-Akkus und verblassende Screens waren neben der Herrentoilette im Hof die meistgefürchtetsten Unwägbarkeiten auf der Re:publica. Es kam zu herzzereissenden Szenen wie der, als ein enttäuschtes junges Mädchen wegen Akkuschwäche ihr Webcam-Livestreaming aus einem völlig überfüllten Blogscout/charts-Workshop einstellen musste.

MITTWOCH 10:00 NICO
Die Re:publica geht ohne uns los. Guido liegt wohl in Leipzig lang und ich muss schnell noch diesen einen Auftrag abarbeiten… (Willkommen im Beispielreigen von “Wir nennen es Arbeit“)

DONNERSTAG 10:15 NICO
Aloha Re:publica. Alle mit Laptop und niemand scheint sich dafür zu schämen.

DONNERSTAG 11:00 GUIDO
Von der Parkplatzsuche gedrallt, kommen wir in der Kalkscheune an und finden Nico inmitten hunderter mit geweiteten Pupillen auf Bildschirme starrender Zombies Autisten Blogger Menschen wie Du und ich – und fahren ihn hoch.

DONNERSTAG 13:30 GUIDO
An einem Kiosk in der Friedrichstrasse kaufen wir Cola in kleinen Flaschen. Eine Frau spricht uns an: “Tjaaaa, erst der zwölfte und schon fast alle. Es geht immer schneller. Bald ist alles alle. Dann gibt es nichts mehr. Das Wasser wird alle sein. Dann könnt Ihr lange nach Getränken suchen.” Wir rennen vor ihr weg, werden aber verfolgt. Mit konstant fünfzig Metern Abstand brüllt uns die immer wütender werdende Frau Drohungen wie: “Dann wollen wir doch mal sehen” oder “Es wird alle sein, ALLE!!!” hinterher und holt uns damit rabiat auf den Boden der Tatsachen zurück. Das Web, Blogs, Online-Netzwerke und all unsere neuen Freunde kommen uns plötzlich sehr unwichtig vor.

DONNERSTAG 15:15 NICO
Stehen mit Abspann und Hike auf dem Hof und überlegen ob die Blogs, die sich auch untereinander verlinken und kommentieren auch hier auf dem Hof in Grüppchen stehen. – Natürlich tun sie das. Wir ja auch. Und ob Technorati nicht einen Service anbieten könnte, um praktisch als interaktive Anwendung im öffentlichen Raum zu visualisieren, wie die Menschen miteinander vernetzt sind. Keine Ahnung, mit LEDs, Laserpointern in verschiedenen Farben oder so.

DONNERSTAG 15:40 NICO
Stolpere in die “Cash from Caos” Veranstaltung, die ein einziger Legitimierungsversuch für adical werden wird. Es findet sich auf Teufel komm raus niemand, der gegen das Werbenetzwerk sein will. Die Spannung bleibt aus, auch wenn Dr. Thomas Lau mich am Anfang äußerst wüterich macht, als er behauptet, Punk wäre daran kaputt gegangen, weil er sich mit den Bahnhofspennern solidarisiert hat.
Ich wünsche adical alles Gute. Ärgere mich aber weiter, dass Geld verdienen, PR und Kontakte, Kontakte, Kontakte vor allem auf den Fluren so viel Platz einnehmen. Sobald eine Diskussion aufs Bloggen, Beweggründe, Themen kommt, wird’s für mich erst richtig spannend. Diese Ausreißer werden dann leider gleich wieder aufs Thema zurück geholt.
Über das Ganze liegt eine unglaubliche Spannung des Wollens. Es geht immer darum was alle wollen, nie was sie können. Ist zugegeben aber auch schwieriger.

DONNERSTAG 16:00 UHR GUIDO
Geld verdienen mit Blogs. Der Raum ist prasselvoll und der Sound derart dünn, dass nur die Hälfte der Leute die Ausführungen auf dem Podium richtig verstehen kann. Auf Zehenspitzen kämpfe ich mich durch die Reihen, stosse mit dem Hintern immer wieder an aufgeschosste Notebooks, bis nach hinten zum gerade simsenden Mischermann und bitte ihn um Besserung. Was wenige Minuten später dazu führt, dass eine fies röhrende Rückkopplung den guten Johnny vor seinem Mikro zurückschrecken lässt. Sorry dafür Johnny, aber wir wollten doch nur hören was Ihr sagt. Hat trotzdem nicht geklappt.

DONNERSTAG 16:10 NICO
Fallhöhe, Fallhöhe, Fallhöhe. Man möchte meinen vor einem Haufen Soapschreibern zu sitzen.

DONNERSTAG 17:20 NICO
Ich lese bei vielen Kerlen von ihrer Begeisterung über den hohen Anteil weiblicher Blogger. Dabei übersehen sie den gesamten unbloggenden Kurs aus der Kulturarbeit der FH Potsdam (9/10 Frauenanteil. Das eine Zehntel Mann schreibt dann Diplomarbeiten über das Frauenbild in ‘Die Wilden Kerle’.), die jagen das Testosteron Thermometer ganz schön nach oben.

DONNERSTAG 18:20 GUIDO
Walter Palma, der etwas unsicher scheinende oder vielleicht auch nur nicht auf seinen Vortrag vorbereitete Mann von Google, macht Nägel mit Köpfen. Als aus dem sichtlich genervten Publikum die Bitte kommt, die nicht enden wollenden Dank-Google-tausende-Dollar-am-Tag-verdienen-Preisungen zu beenden und endlich zum Thema des Workshops zu kommen, der Adsense-Optimierung nämlich, bejaht er und skipt ohne Murren gefühlte zwanzig Folien seiner Präsentation nach vorn und macht dort weiter, als wäre nichts gewesen.

DONNERSTAG 21:00 GUIDO
Kurt Vonnegut ist tot. Und ich muss das erst erfahren, als ich bei Technorati vorbeischaue. Verdammt. Nur Platz Fünf bei den Top-Searches. Re:publica dafür auf Eins.

DONNERSTAG 22:10 NICO
Noch ein Beweis für die Vermenschlichung des Phänomens Blogger: Die Klos im Hof sind bis an die Unterkante vollgeschissen. Wäre ein schönes Bild für Wirres, dem Fachblog für Ausscheidungen. Es ist mir aber zu doof einen Haufen Scheiße zu fotografieren, gerade weil das Klo gut besucht ist (das Waschbecken wiederum nicht).

DONNERSTAG 23:40 GUIDO
Auf dem Weg zum Auto sehen wir in einer finsteren Ecke einen zerlumpten jungen Mann am Gehwegrand sitzen. Auf seinem Schoss steht ein Mac-Book. Er hält uns seine flehende Hand entgegen. Ich werfe ihm einen Speicherchip zu, er fängt ihn auf, beisst kurz drauf herum und murmelt: “Hmm, 2 MB. Danke Alter!”
(Okay, das war jetzt gelogen)

FREITAG 09:45 NICO
Bei Martina zum Haareschneiden. Bei ihr ist jede dritte Kapillare in den Händen verstümmelt. Deshalb sind die immer so kalt. Medizinisch kann man da nicht viel machen. Der Arzt empfiehlt ihr Handschuhe bis 15 Grad Außentemperatur zu tragen. Den Namen der Krankheit hat sie nicht parat, weiß aber weiterhin zu berichten, dass jede 10. Frau drunter leide. Das Internet ist ihr reichlich egal. Dass es bald in viele Lebensbereiche eindringen werde, benickt sie artig. “Achte mal bei den Frauen auf blaue Füße.” Gibt sie mir noch mit auf den Weg.

FREITAG 15:35 NICO
Ich laufe an einem Typen vorbei, und fange folgende Wortfetzen auf: “… für mich ist die Blogosphäre wie ein neuronales Netzwerk…” und da war ich dann zum Glück auch schon weiter. Noch mehr von der Qualität hätt’ ich nicht ausgehalten. Wenn sich hier eines bestätigt, dann, dass es es diese Blogosphäre (das Wort benutze ich heute vermutlich zum ersten Mal) gar nicht gibt. Es gibt unter den Machern der Re:publica schon eine Art Netzwerk, vielleicht sind auch die meisten der hier Anwesenden daran teilhabend. Gerade im Gespräch mit Hike über Musikblogs wird aber klar, dass es überall Blog-Klumpen gibt, die für sich fast autark funktionieren, über regionale Zugehörigkeit, Freundeskreis, Schule, etc.
Es gibt also strukturell keine Blogosphäre. Inhaltlich und funktionell auch kaum. Ich würde gerne auf alle Zeiten “Blogosphäre” und “Klein Bloggersdorf” und all deren Synonyme verbieten lassen.

FREITAG 16:23 NICO
Gott sei Dank: Wenn man auf den englischen Google-Seiten nach “Republica” sucht, findet man sofort den Link zur Band-Homepage und entsprechende Wikipedia-Einträge. “Drop Dead Gorgeous” (1997).

FREITAG 16:35 NICO
Sitze in der Lounge der Kalkscheune (nicht die Re:publica Lounge!), ein weniger als 20 qm großer Raum, mit roten Lederbänken an den Wänden, kleinen, gold beschlagenen Rundtischen, schweren roten Vorhängen und einer goldenen Bordüre. Alle paar Minuten kommt eine schlanke, streng und schwarz gekleidete Dame mit dunklem Lippenstift herein, kuckt in die Runde, niemand reagiert, sie geht wieder.
Alle Tische sind besetzt. An jedem sitzen still Männer um die 30, die in ihr Laptop tippen, nicht mal telefonieren. Beinahe meditative Stimmung – warte – nee, jetzt nicht mehr. Eben kommt eine der von Frank erwähnten dicken Podcasterinnen herein und quetscht einen Informatiker, der ein völlig überflüssig lautes Organ besitzt, aus. Immerhin geht’s um Vorratsdatensspeicherung. Da troll’ ich mich ohne Murren.

FREITAG 17:40 NICO
Bin doch geblieben und hab mir über Kopfhörer Bloc Party Remixes angehört. Das Album kommt mir nicht ins Haus. Aber gerade der “I still remember” Remix von SebastiAn ist der Kracher.

FREITAG 17:55 NICO
Noch so Einen nebenbei aufgeschnappt: “… ich sag mal Kommentare sind wie eine Diskussion…”

FREITAG 18:05 NICO
Und noch Einer: “… Ruf mich einfach an und dann geb ich dir meine Zugangsdaten für den Youtube Account und dann kannst du einen Film hoch laden…” (Ich hätte gleich einen Beitrag mit kuriosen Overhears [Wie Fallhöhe auch aus der Soap-Sprache] machen sollen.)

FREITAG 18:45 NICO
Abschiedsveranstaltung. SMS: “Markus ich will ein Blog von dir!”

FREITAG 19:30 NICO
Freibier bei New Thinking. Hike, Abspann et moi, wir lernen das Gesicht in der Krambox kennen, wobei ich die ganze Zeit Kramblogs verstehe. Krambox, das ist der Blog, der mal was mit einem Callboy hatte. Bei der Gelegenheit wird uns die Brisanz des Themas bezahlter redaktioneller Beiträge bewußt (Was waren wir naiv.). Dr. Jan Schmidt kommt vorbei, weil er das D-Wort von weitem gehört hat, und meint ganz richtig, dass das die Blogosphäre aushalten muss. Ich mach in Anlehnung an “Das Boot” (Die Szene in der sie durch die Straße von Gibraltar müssen und auf 600m die Nieten platzen): “Das muss das Blog aushalten!” daraus. (Nachträgliche Anmerkung: Richtig wäre “Das muss das Blog abkönnen!” gewesen, nachzuverfolgen in den Kommentaren.) Wir erfahren, Hard Bloggin’ Scientist kann jeder werden. Ich bedanke mich bei Markus und dann ziehen wir zu dritt weiter. Den Abend beenden wir Nerd-/Musikblogger zünftig mit einer Party Musikpromotender in der Brunnenstraße. Im Gedränge verspüre ich plötzlich den sehnlichen Wunsch eine Runde zu bloggen. Voilà.

SAMSTAG 12:15 GUIDO
Leipziger Südvorstadt. Beim Flyerverteilen für die erste nicht-doofe-80er-Party ULTRA 80 am kommenden Wochenende (Hingehen!!) treffe ich einen alten Bekannten in der Kneipe und erzähle ihm von meiner Zeit auf der Konferenz in Berlin. Er freut sich für mich und meint, er hätte schon gehört, dass es im Netz gerade ganz schön voll sein soll.

Foto von Blogwinkel, Motiv Abspann.

 

10 Kommentare »

  1. Danke, ich fühle mich, als wäre ich dort gewesen. So hab ich mir das Ganze auch vorgestellt.
    “Das muss das Blog aushalten!” – wohl eines der, wenn nicht das, besten MashUp-Zitate seit langem! Ganz groß!

    Kommentar von Stefan, April 14, 2007

  2. richtig, ich halte es da mit hadouken: remix your brain!

    Kommentar von roman, April 14, 2007

  3. grandioser text. danke!

    Kommentar von frank, April 14, 2007

  4. ähm. genau so wars. und ich dachte, du hättest den ganzen nachmittag in der launsch gepennt;-)
    wenn mich nicht besserwissenderweise nicht alles taeuscht sagt juergen prochnow im film “abkönnen” statt “aushalten”. aber was weiss ich denn schon. war vielleicht nur die miese synchro.
    und: danke.

    Kommentar von hike, April 14, 2007

  5. hike, ich hab genau genommen keine ahnung. es klingt aber gerade so schön. vielleicht kommt aber auch heute auf irgend einem dritten ne wiederholung, dann könnte man das schnell klären.

    Kommentar von nico, April 14, 2007

  6. OK, wir sind doch alle netzaffin und vertrauen dem User Generated Content. ;)
    Demnach hat hike recht, denn eine Suche über diverse Suchmaschinen spuckt tatsächlich häufiger “Das muß das Boot abkönnen” als Zitat aus als “… aushalten”.
    Tja, wollen wir dem glauben? Oder vielleicht bei Gelegenheit doch nochmal selbst überprüfen? ;)

    Anblasen, Herr Kaleu!

    Kommentar von Stefan, April 14, 2007

  7. dann wirds sofort geändert.

    Kommentar von nico, April 15, 2007

  8. mist, mist, mist – ich habe euch nicht gesehen… holen wir das nach? ende des monats bin ich wieder in leipzig :)

    Kommentar von andreas, April 15, 2007

  9. @Andreas: Einfach spontan mailen!
    Wir hatten unsere Namenskärtchen eher formlos in der Tasche…

    Kommentar von guido, April 15, 2007

  10. jetzt habe ich erst das t-shirt begriffen … oh mann… aber großartig isses!

    Kommentar von alex, April 17, 2007

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel.

Einen Kommentar hinterlassen

Powered by WordPress